Lagno und Goryachkina teilen sich den dritten Platz

Nach der Hälfte des Kandidatinnen-Turniers teilen sich Lagno und Goryachkina den dritten Platz. Warum das noch nichts entscheidet — und gleichzeitig sehr viel entscheidet

Nach der ersten Hälfte des Kandidatinnen-Turniers wirkt die Tabelle bereits nicht mehr zufällig. Sieben Runden sind kein kurzer Ausbruch und kein bloßes Anfangsrauschen. Das ist schon eine echte Distanz, auf der sich Form, Charakter und die Fähigkeit, schlechte Tage zu überstehen, zeigen. Genau deshalb wirkt die Nachricht, dass Kateryna Lagno und Aleksandra Goryachkina nach der Hälfte des Turniers den dritten Platz teilen, wirklich wichtig. Nach sieben Runden haben beide 3,5 Punkte aus 7 gesammelt und liegen direkt hinter dem Führungsduo — Anna Muzychuk und Zhu Jiner, die jeweils 4,5 aus 7 auf dem Konto haben.

Auf den ersten Blick wirkt ein Rückstand von einem Punkt nicht kritisch. Doch das Kandidatinnen-Turnier ist nicht das Format, in dem man ruhig auf eine zweite Chance warten kann. Es ist ein doppelrundiges Marathonturnier über 14 Runden, und am Äquator wird bereits sichtbar, wer sich wirklich im Titelrennen hält und wer das Turnier nur noch von Runde zu Runde überlebt. Lagno und Goryachkina befinden sich weiterhin genau in diesem lebendigen Kampf: nicht ganz oben, aber auch nicht in der Rolle der Jägerinnen aus den Tiefen der Tabelle.

Eine junge Schachspielerin mit langen dunklen Haaren führt während eines Turniers hochkonzentriert einen Zug am Brett aus und sitzt an einem Tisch mit violetter Abdeckung in einem hell beleuchteten Saal.

Die Hälfte des Turniers ist vorbei — und die Spannung zieht sich erst richtig an

Die offizielle FIDE-Zusammenfassung nach der siebten Runde hält fest, dass Anna Muzychuk die Führung im Frauenturnier behauptet hat, während die Verfolgergruppe ganz nah dahinter geblieben ist. Lagno und Goryachkina gehören zu dieser Gruppe, und ihre Lage ist besonders interessant: Sie haben den Start nicht verpatzt, sie sind nicht aus dem Rennen gefallen, aber sie haben es auch nicht geschafft, die erste Hälfte der Distanz in einen souveränen Vorstoß nach oben zu verwandeln.

Das ist ein sehr typischer Zustand für ein großes Kandidatenturnier.
Du bist noch vollständig im Spiel, kannst dir aber nicht mehr zu viele „neutrale“ Tage leisten. Wenn nur noch sieben Runden vor dir liegen, fühlt sich jeder Punkt Rückstand nicht mehr wie Statistik an, sondern wie Druck. Für Lagno und Goryachkina ist das besonders wichtig, weil keine von beiden Neulinge in der Spitze des Frauenschachs sind — von beiden wird immer ein echter Kampf um Platz eins erwartet.

Was die Tabelle am Äquator sagt

Laut Chess.com und der offiziellen Paarungs- und Ergebnisseite sieht das Bild an der Spitze nach Runde sieben so aus: Anna Muzychuk und Zhu Jiner führen mit 4,5 Punkten, Kateryna Lagno und Aleksandra Goryachkina folgen mit 3,5, und dahinter sitzt eine dicht gedrängte Gruppe, in der jeder einzelne Sieg das gesamte Kräfteverhältnis schlagartig verändern kann. In Runde sieben spielte Lagno remis gegen Divya Deshmukh, während Goryachkina gegen Zhu Jiner remisierte.

Und genau darin liegt die wichtigste Besonderheit dieses Moments.
Lagno und Goryachkina teilen zwar den dritten Platz, doch das wirkt nicht wie eine bequeme Position. Eher ist es ein Zwischenabsprungbrett: Du kannst die Spitze noch angreifen, musst aber schon nicht nur über Stabilität nachdenken, sondern darüber, woher die vollen Punkte kommen sollen. In einem Turnier dieses Niveaus ist einfach nur „nicht zu verlieren“ zur Halbzeit nur noch selten eine ausreichende Strategie.

Lagno: ein Turnier voller Glanzmomente und Rückschläge

Kateryna Lagnos erste Turnierhälfte verlief sehr ungleichmäßig, aber genau deshalb wirkt sie auch vielversprechend. Sie hat bereits einen der glänzendsten Siege des gesamten Wettbewerbs geholt — gegen Tan Zhongyi in Runde drei. Damals nannte die FIDE das Ende der Partie atemberaubend, während Chess.com festhielt, dass Lagno durch das Chaos hindurchging und einen beinahe unglaublichen taktischen Sieg herauszog. Genau dieser Erfolg brachte sie sofort in den oberen Teil der Tabelle.

Doch es gab auch schmerzhafte Rückschläge. Schon in Runde vier verlor Lagno gegen Vaishali Rameshbabu, und danach schwankte das Turnier für sie weiter zwischen der Chance auf einen Vorstoß und der Notwendigkeit, ihre Position wiederherzustellen. Bis Runde sieben kam sie auf 3,5/7 — also weiterhin im Kampf, aber ohne das Gefühl vollständiger Kontrolle über die Lage.

Goryachkina: ein dichtes Turnier ohne den großen Durchbruch

Bei Aleksandra Goryachkina sah das Muster der ersten Hälfte anders aus. Ihr Turnier liest sich bislang wie eine Serie sehr dichter Partien, in denen sie konkurrenzfähig bleibt, die Qualität ihres Spiels aber nicht immer in die maximale Punktzahl umwandelt. Bereits in Runde drei merkte die FIDE an, dass Goryachkina in ihrer Partie gegen Divya Deshmukh dem Sieg nahe war, einen Mehrbauern gewann und sogar ein theoretisch gewonnenes Turmendspiel erreichte, den Vorteil jedoch nicht verwerten konnte und sich mit einem Remis begnügen musste.

In Runde vier kam sie den Berichten zufolge erneut einem schwereren Ergebnis näher als nur einem halben Punkt. Und in Runde sieben spielte sie remis gegen eine der Turnierführerinnen, Zhu Jiner. All das ergibt ein sehr typisches Profil: Goryachkina wirkt nicht wie eine Spielerin, die zerfällt oder aus dem Rennen fällt, aber bislang fehlen ihr noch ein oder zwei wirklich vollwertige Schläge, um gutes Schach in einen Platz ganz oben zu verwandeln. Das ist eine Deutung, die sich aus dem Muster ihrer Resultate und ihrer Tabellenlage nach sieben Runden ergibt.

Warum gerade Platz drei jetzt zugleich gut und beunruhigend ist

Weil das Turnier bereits die Phase erreicht hat, in der ein Punkt Rückstand auf die Spitze nicht viel ist, zugleich aber zu viel, um nur von Remis zu leben. Lagno und Goryachkina sind nicht vom Kampf abgeschnitten. Mehr noch: Sie befinden sich genau in der Position, aus der eine gute Siegesserie sie auf Platz eins katapultieren kann. Aber die zweite Hälfte der Distanz dreht sich nicht mehr um allgemeine Sorgfalt, sondern um die Fähigkeit, im richtigen Moment zuzuschlagen.

Auch der Kalender spielt hier eine Rolle. Laut den offiziellen Paarungen treffen Lagno und Goryachkina bereits in Runde acht aufeinander. Das bedeutet, dass das Turnier sie beinahe augenblicklich vor eine harte interne Entscheidung stellt: Eine von ihnen kann den Abstand zur Spitze verkürzen, während die andere Gefahr läuft, auf der Stelle stehen zu bleiben. In einem Candidates-Format fühlen sich direkte Duelle nach dem Äquator fast immer wie kleine Finals an.

Warum die Spannung für russischsprachige Fans nur noch wächst

Lagno und Goryachkina sind zwei Schachspielerinnen mit sehr unterschiedlichem Temperament und sehr unterschiedlichem Partienmuster, doch beide werden seit Langem mit dem höchsten Niveau des Frauenschachs verbunden. Goryachkina ist eine frühere Herausforderin um die Weltkrone und eine der stabilsten Figuren der Frauenelite. Lagno ist eine Spielerin mit enormer Erfahrung und der Fähigkeit, Partien im nervösesten taktischen Chaos zu entscheiden. Ihre gemeinsame Position auf Platz drei nach sieben Runden macht die zweite Turnierhälfte besonders interessant: Beide bleiben im Rennen, aber die Ressourcen für den finalen Vorstoß scheinen in beiden Fällen völlig unterschiedlich zu sein.

Und das ist nicht nur für die Tabelle, sondern auch für die Wahrnehmung des Turniers selbst eine gute Geschichte.
Während ein Teil des Feldes bereits daran denken muss, noch irgendwie das Prestige zu retten, leben Lagno und Goryachkina immer noch in der Logik einer viel größeren Aufgabe. Sie sind noch keine Verfolgerinnen aus purer Verzweiflung, aber auch keine Spielerinnen mehr, die sich ruhig „noch ein solides Remis“ leisten können. Gerade dieser Zwischenabschnitt erweist sich im Schach oft als der nervöseste und zugleich produktivste.

Fazit

Dass Lagno und Goryachkina nach der Hälfte des Kandidatinnen-Turniers den dritten Platz teilen, ist eine Nachricht mit gleich zwei Bedeutungen. Die erste ist positiv: Beide sind weiterhin im Rennen, beide bleiben nah genug an den Führenden, und beide behalten reale Chancen auf einen Vorstoß. Die zweite ist hart: Die Hälfte des Turniers ist bereits vorbei, die Zeit wird knapper, und niemand wird Platz eins einfach nur für Stabilität verschenken.

Darum ist die Halbzeit für sie kein Anlass für ruhige Zwischenbilanzen, sondern ein Moment der Wahrheit.
Der dritte Platz ist im Moment weder eine Medaille noch eine Garantie. Er ist eine Position, von der aus man noch nach allem greifen kann. Aber nur unter einer Bedingung: In der zweiten Turnierhälfte muss man anfangen, das zu holen, was in der ersten gefehlt hat — entscheidende Siege.

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