Die FIDE unterstützt eine Verkürzung der Bedenkzeit im klassischen Schach
FIDE unterstützt kürzere Bedenkzeiten: Was sich im klassischen Schach ändern könnte
Klassisches Schach wird dafür geschätzt, dass es den Spielern Zeit zum Innehalten und Nachdenken lässt. Eine verborgene Ressource in einer schwierigen Stellung zu entdecken, ein Opfer durchzurechnen oder ein kompliziertes Endspiel zu verstehen – all das braucht Zeit. Lange Partien machen Turniere jedoch auch teurer und erschweren die Teilnahme für Menschen, die Schach mit Beruf oder Studium vereinbaren müssen.

Nun ist der internationale Verband einer Änderung des vertrauten Formats nähergekommen. Die FIDE-Generalversammlung hat eine Resolution zu kürzeren Bedenkzeiten unterstützt. Damit ändern sich die Regeln allerdings nicht automatisch: Der FIDE-Rat muss die konkreten Anpassungen noch ausarbeiten und beschließen. Diese Klarstellung veröffentlichte der Verband am 12. Oktober 2026.
Welche Bedenkzeiten werden vorgeschlagen?
Die wichtigste Variante ist 60 Minuten pro Spieler für die gesamte Partie mit einem Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug, üblicherweise als 60+30 bezeichnet. Der FIDE-Rat beabsichtigt, diese Bedenkzeit ohne Sondergenehmigung zuzulassen.
Für 45+30 sind gesonderte Bedingungen vorgesehen: eine automatische Zulassung für Turniere, die den Anforderungen des FIDE Circuit entsprechen, sowie für Wettbewerbe, an denen keine Spieler mit einer Elo-Zahl von 2400 oder höher teilnehmen. Diese Bestimmungen sind weiterhin Teil des vorgeschlagenen Modells.
Was bedeuten diese Zahlen für einen Spieler? Bei 60+30 beginnt jeder Teilnehmer mit einer Stunde auf der Uhr und erhält nach jedem ausgeführten Zug weitere 30 Sekunden. Eine Partie kann deshalb deutlich länger als zwei Stunden dauern, da der Zuschlag während des Spiels zusätzliche Bedenkzeit schafft.
Bei 90+30 stehen jedem Spieler zu Beginn dagegen anderthalb Stunden zur Verfügung. Der Wechsel zu 60+30 reduziert die anfängliche Bedenkzeit um ein Drittel, während der Zuschlag unverändert bleibt.
Warum sollen klassische Partien kürzer werden?
Ein langes Turnier verursacht Kosten für Unterkunft, Saalmiete und Schiedsrichter. Für die Teilnehmer kommen die Anreise und die Zeit hinzu, die sie sich von ihren anderen Verpflichtungen freihalten müssen.
Ein kompakterer Zeitplan könnte diese Hürden senken. Kürzere Veranstaltungen lassen sich leichter in den Alltag der Spieler einplanen. Gleichzeitig könnten Organisatoren ihre Kosten besser begrenzen und eine Teilnahme zu günstigeren Bedingungen anbieten.
Kürzere Bedenkzeiten bedeuten allerdings nicht automatisch kürzere Turniere. Wird weiterhin nur eine Partie pro Tag gespielt, verkürzt sich vor allem der Spieltag. Um die Gesamtdauer eines Turniers zu reduzieren, wäre ein anderer Zeitplan nötig – beispielsweise mit zwei Runden an einzelnen Tagen.
Werden drei Partien pro Tag möglich sein?
Der Isländische Schachverband schlug vor, 45+30 als Standardbedenkzeit einzuführen und drei Partien pro Tag zu erlauben. Die Generalversammlung unterstützte diese Initiative, ihre Umsetzung erfordert jedoch weitere Beratungen.
Nach dem vom FIDE-Rat vorgeschlagenen Ansatz soll bei Turnieren, in denen Titelnormen erzielt werden können, die Obergrenze von zwei Partien pro Tag bestehen bleiben. Für Turniere, die ausschließlich zur Elo-Auswertung dienen, gilt eine andere Grenze: höchstens zwölf Stunden Spielzeit pro Tag. Auch die Einschränkung, dass für den Erwerb eines Titels maximal eine mit verkürzter klassischer Bedenkzeit erzielte Norm angerechnet werden kann, soll erhalten bleiben.
Dieser Unterschied ist wesentlich. Für die Elo-Auswertung eines Turniers und für die Anerkennung internationaler Titelnormen gelten unterschiedliche Anforderungen. Die Aussage „Jetzt dürfen alle drei klassische Partien pro Tag spielen“ wäre deshalb verfrüht.
Wie könnten kürzere Bedenkzeiten das Spiel beeinflussen?
Es ist zu erwarten, dass die Zeiteinteilung noch wichtiger wird. Wer in der Eröffnung lange nachdenkt, hätte im Mittelspiel weniger Zeit, um eigenständig Lösungen zu finden. Spieler müssten genauer erkennen, welche Stellungen eine tiefgehende Variantenberechnung erfordern.
Besonders spürbar könnte die Änderung in komplizierten Endspielen sein. Um den richtigen Zug zu finden, müssen mitunter mehrere ähnliche Varianten überprüft werden. Ein paar zusätzliche Minuten können dabei helfen, Details zu erkennen, die auf den ersten Blick verborgen bleiben.
Andererseits könnten kürzere Partien die Teilnahme an klassischen Turnieren erleichtern. Für Amateure könnte das mehr Gelegenheiten zum Mitspielen bedeuten, für Veranstalter mehr Spielraum bei der Gestaltung des Zeitplans.
Dabei handelt es sich um mögliche Auswirkungen der Reform, nicht um bereits gesicherte Erkenntnisse aus ihrer Umsetzung.
Wie geht es weiter?
Die FIDE hat die grundsätzliche Richtung der Reform unterstützt. Die endgültigen Regeln für ihre Anwendung stehen jedoch noch nicht fest. Eine breitere Nutzung von 45+30 und die Möglichkeit, drei Partien pro Tag zu spielen, erfordern weitere Beratungen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, einen Ausgleich zwischen leichterem Zugang zu Turnieren und spielerischer Tiefe zu finden. Ein kürzeres Turnier kann mehr Teilnehmer anziehen. Ein großer Teil des Reizes klassischer Schachpartien liegt jedoch gerade darin, Entscheidungen in Ruhe durchdenken zu können.
Der Erfolg der Reform wird deshalb von mehr abhängen als von der Zahl der eingesparten Minuten. Entscheidend ist, ob die Spieler unter den neuen Bedingungen bewahren können, was sie am klassischen Schach schätzen: einen gehaltvollen Kampf, eigenständige Variantenberechnung und die Freude daran, am Brett eine Lösung zu finden.