Wahre Freunde zeigen sich bei der FIDE: Intrigen im Präsidentschaftswahlkampf
Freunde zeigen sich in der FIDE: Intrigen rund um die Präsidentenwahl des Weltschachverbands
Im Schach gibt es eine bekannte Regel: Die wahre Stärke einer Stellung zeigt sich nicht dann, wenn alles ruhig ist, sondern wenn der Kampf beginnt. Offenbar ist genau dieser Moment nun auch für den Weltschachverband FIDE gekommen.
Am 26. September 2026 wählen die FIDE-Delegierten in Samarkand den neuen Präsidenten des Verbands. Drei Kandidaten treten für das Amt an: Jan Henric Buettner, Vadim Rosenstein und Timur Turlov. Ihre jeweiligen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten sind Malcolm Pein, Gordon Tang und Viswanathan Anand.
Deshalb lässt sich der aktuelle Wahlkampf kaum noch als gewöhnlicher Führungswechsel betrachten. Auf den Brettern läuft die Schacholympiade, während hinter den Kulissen im selben Samarkand eine völlig andere Partie gespielt wird – um Einfluss, das Vertrauen der nationalen Verbände und die Zukunft der FIDE.
Warum diese Wahl besonders ist
Noch vor wenigen Monaten sah die Situation völlig anders aus.
Arkady Dvorkovich, der die FIDE seit 2018 führt, hatte zunächst vor, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Timur Turlov sollte als sein Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten antreten.
Doch nachdem die Europäische Union Sanktionen gegen Dvorkovich verhängt hatte, änderte sich die Situation. Dvorkovich zog seine Kandidatur zurück, während Turlov seine eigene Bewerbung um das Präsidentenamt startete. Viswanathan Anand schloss sich seinem Team an.
Damit veränderte sich die bisherige Konstellation der Wahl innerhalb weniger Wochen grundlegend.
Und sofort stellte sich eine zentrale Frage: In welchem Umfang werden die Verbindungen und das politische Kapital der bisherigen FIDE-Führung auf das neue Team übergehen?
Die Antwort darauf wird erst nach der Abstimmung feststehen.
Drei Teams – drei unterschiedliche Ansätze
Für die Wahl wurden offiziell drei Präsidentschaftsteams registriert:
* Jan Henric Buettner – Malcolm Pein
* Vadim Rosenstein – Gordon Tang
* Timur Turlov – Viswanathan Anand
Die FIDE bestätigte die drei Kandidaturen nach Abschluss der Nominierungsphase offiziell. Jedes nationale FIDE-Mitglied, das bei der Generalversammlung vertreten ist, verfügt über eine Stimme.
Und genau hier wird es besonders interessant.
Die öffentlichen Aussagen der Kandidaten zeigen, dass sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sich der Verband entwickeln soll.
Turlov legt den Schwerpunkt auf die kommerzielle Entwicklung, die Digitalisierung, die Erweiterung des Schachpublikums, die Unterstützung nationaler Verbände und eine stärkere Präsenz des Schachs im modernen digitalen Raum. In einem Interview mit Reuters sprach er außerdem über die Notwendigkeit, Entscheidungen des Internationalen Sportgerichtshofs CAS zu respektieren, sowie über die Entwicklung digitaler Werkzeuge der FIDE.
Rosenstein nennt unter anderem eine Reform der Verbandsführung, mehr Transparenz, Regeln zu Interessenkonflikten, die kommerzielle Entwicklung der FIDE und eine Rückkehr von Magnus Carlsen in den klassischen Weltmeisterschaftszyklus als wichtige Ziele.
Buettner und sein Team setzen auf eine Neuordnung der Führungsstrukturen und eine Veränderung des Verhältnisses zwischen der FIDE und den nationalen Schachverbänden.
Es geht also nicht einfach um drei Namen. Auf dem Spiel stehen drei unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die FIDE in den kommenden Jahren aussehen soll.
Die wichtigsten Akteure sind nicht die Fans, sondern die Verbände
FIDE-Wahlen unterscheiden sich deutlich von klassischen politischen Wahlen.
Millionen Schachfans geben keine Stimme ab. Es gibt keine direkte Volkswahl. Die Entscheidung treffen Vertreter der nationalen Schachverbände.
Und jeder Verband verfügt über eine Stimme.
Dadurch entsteht eine ganz eigene politische Landkarte.
Große Schachnationen und kleinere Verbände stehen bei der Abstimmung formal auf gleicher Ebene. Deshalb zählen nicht nur die Bekanntheit der Kandidaten und ihre Popularität bei den Spielern. Ebenso wichtig sind Beziehungen zu Verbänden, Gespräche, Unterstützung und persönliche Kontakte.
Genau hier bekommt der Titel „Freunde zeigen sich in der FIDE“ eine besondere Bedeutung.
Solange die Kameras laufen, sprechen die Kandidaten über ihre Programme.
Wenn die Kameras ausgeschaltet sind, beginnt die Arbeit mit den Delegierten.
Samarkand wird zum politischen Schachbrett
Die Wahl findet parallel zur 46. Schacholympiade in Samarkand statt.
Es ist beinahe die perfekte Kulisse für einen solchen spannungsgeladenen Wettbewerb.
Vertreter von Schachverbänden aus aller Welt, Spitzenspieler, Funktionäre nationaler Verbände, Organisatoren und potenzielle Partner sind am selben Ort versammelt.
Auf der Olympiade kämpfen die Mannschaften um Medaillen.
In den Sälen der Generalversammlung wird gleichzeitig entschieden, wer in den kommenden vier Jahren das weltweite Schach führen wird.
Die FIDE hat die Wahl des Präsidenten und des Vizepräsidenten für den 26. September im Rahmen der Generalversammlung angesetzt.
Das Zusammentreffen beider Ereignisse macht Samarkand gleichzeitig auf mehreren Ebenen zum Zentrum der Schachwelt.
Die Intrige dreht sich nicht nur um die Kandidaten
Ein weiteres Merkmal des aktuellen Wahlkampfs ist die Vielzahl kontroverser Themen.
Die Kandidaten und ihre Teams haben öffentlich unterschiedliche Positionen zur Führung der FIDE, zur Transparenz der Wahl, zu den Beziehungen mit nationalen Verbänden, zur Sanktionspolitik und zur Zukunft der russischen Beteiligung am internationalen Schach vertreten.
Einige Vorwürfe und Kritikpunkte wurden unmittelbar im Rahmen des Wahlkampfs geäußert. Sie sollten daher als Positionen und Aussagen der jeweiligen Seiten verstanden werden und nicht als feststehende Tatsachen.
Allein ihr Auftreten zeigt jedoch, wie angespannt der Wahlkampf ist.
Reuters berichtete beispielsweise über Turlovs Positionen zur Russland-Frage und zur Entscheidung des CAS sowie über seine Vorschläge zur Digitalisierung und zur Unterstützung nationaler Verbände. Rosenstein wiederum hat öffentlich über Reformen der Verbandsführung, Interessenkonflikte und die kommerzielle Entwicklung der FIDE gesprochen.
Damit ist die Wahl mehr als ein Wettbewerb zwischen einzelnen Personen.
Es geht um die Frage, wie eine internationale Schachorganisation in einer neuen politischen, sportlichen und digitalen Realität aussehen soll.
Warum sich das Wahlergebnis nicht im Voraus berechnen lässt
Auf den ersten Blick könnten öffentliche Erklärungen oder die Unterstützung einzelner Verbände Hinweise auf die Position der Kandidaten liefern.
Doch das Wahlsystem der FIDE lässt zu viele Unbekannte offen.
Die Abstimmung erfolgt geheim. Außerdem bedeutet die öffentlich erklärte Unterstützung eines Verbands nicht zwangsläufig, dass der einzelne Delegierte in der Wahlkabine genauso abstimmen wird.
Deshalb sollten inoffizielle Hochrechnungen mit Vorsicht betrachtet werden.
Auch unabhängige Beobachter weisen darauf hin, dass ihre Einschätzungen zur Position einzelner Verbände nur annähernd sind und keine offizielle Prognose des Wahlergebnisses darstellen.
In einem solchen System bleibt bis zum letzten Moment Raum für Gespräche und Veränderungen der Position.
Und vielleicht genau das macht diese Wahl so schachtypisch.
Alte Verbindungen gegen einen neuen Kurs
Die zentrale Spannung des Wahlkampfs beschränkt sich nicht auf die drei Kandidaten.
Es gibt auch das Vermächtnis von Dvorkovich.
Während seiner acht Jahre an der Spitze der FIDE entstand ein weitreichendes Netzwerk internationaler Beziehungen. Nun stellt sich die Frage, wie nützlich dieses Netzwerk für Turlov sein wird, nachdem sich die Ausgangslage der Wahl verändert hat.
Dvorkovich selbst hat Turlov öffentlich unterstützt.
Doch eine Wahl ist kein Staffellauf, bei dem Einfluss automatisch von einer Person auf die nächste übergeht.
Jeder Verband trifft seine eigene Entscheidung.
Deshalb lässt sich der Einfluss der bisherigen Führung nicht einfach in eine bestimmte Zahl von Stimmen umrechnen.
Und auch hier passt die Schachanalogie: Eine Stellung kann auf dem Brett vielversprechend aussehen, doch ein einziger ungenauer Zug kann ihren Charakter vollständig verändern.
Was steht am 26. September wirklich auf dem Spiel?
Auf den ersten Blick klingt die Frage einfach: Wer wird der nächste Präsident der FIDE?
Tatsächlich geht es um weit mehr.
Wie wird sich das kommerzielle Modell des Verbands entwickeln?
Wie stark wird die FIDE in digitales Schach investieren?
Wie werden die Beziehungen zu den nationalen Verbänden aussehen?
Wie wird die Organisation Fragen der Führung und Transparenz angehen?
Wie wird sich ihr Verhältnis zu professionellen Spielern und großen internationalen Projekten verändern?
Wie wird sich der klassische Weltmeisterschaftszyklus entwickeln?
Und schließlich: Welche Rolle wird die FIDE in der internationalen Sportlandschaft spielen?
Die Antworten hängen nicht nur von der Person des künftigen Präsidenten ab, sondern auch von dem Team, das er mitbringt.
Die letzte Partie ist noch nicht gespielt
Im Schach können Zuschauer das Brett sehen und die Stellung analysieren. Bei einer FIDE-Wahl ist die Situation komplizierter.
Es gibt öffentliche Erklärungen, Programme, Unterstützer, politische Bündnisse und persönliche Beziehungen. Doch der entscheidende Zug bleibt bis zum Moment der Abstimmung verborgen.
Am 26. September wird Samarkand zum Schauplatz des Endspiels eines der spannendsten FIDE-Wahlkämpfe der jüngeren Geschichte.
Drei Teams gehen mit unterschiedlichen Programmen und unterschiedlichen Vorstellungen von der Zukunft des Weltschachs in die Abstimmung.
Doch die wichtigsten Details werden erst nach Auszählung der Stimmen sichtbar.
Denn in der FIDE gilt ebenso wie im Schach: Die wichtigsten Züge werden manchmal gemacht, bevor die Zuschauer sie überhaupt sehen können.