Schachrekorde, die kaum zu brechen sind
Schachrekorde, die sich kaum brechen lassen
Einen starken Großmeister zu besiegen, ist eine Leistung. Weltmeister zu werden, ist der Höhepunkt einer Karriere. Doch in der Schachgeschichte gibt es Erfolge, die selbst vor diesem Hintergrund herausragen: fast drei Jahrzehnte mit der Weltmeisterkrone, 125 Partien ohne Niederlage und zwei makellose Wettkampfsiege in Folge gegen Anwärter auf den Weltmeistertitel.

Hinter diesen Zahlen stehen ganz unterschiedliche Geschichten. Bei einem Rekord war die außergewöhnliche Beständigkeit entscheidend, bei einem anderen eine überragende Form. Bei einem dritten spielten Regeln eine Rolle, die inzwischen geändert wurden.
Diese Rekorde als unüberbietbar zu bezeichnen, wäre gewagt. Doch um sie zu übertreffen, reicht hervorragendes Schach allein nicht aus. Dafür braucht es eine seltene Kombination aus Talent, Widerstandskraft und günstigen Umständen.
Emanuel Lasker: 27 Jahre als Weltmeister
Emanuel Lasker wurde 1894 Weltmeister, indem er Wilhelm Steinitz besiegte. Erst 1921 verlor er den Titel im Wettkampf gegen José Raúl Capablanca. Zwischen diesen Ereignissen lagen rund 27 Jahre – die längste Weltmeisterschaftsperiode in der Schachgeschichte. Chess.com
Man stelle sich vor: Jemand entdeckt als Schulkind das Schachspiel, wird erwachsen und gründet eine Familie – und noch immer ist derselbe Spieler Weltmeister.
Natürlich ist der historische Kontext wichtig. Zu Laskers Zeiten gab es keinen regelmäßigen Weltmeisterschaftszyklus nach heutigem Vorbild. Ob ein Titelkampf zustande kam, hing von Verhandlungen und der Finanzierung ab. Zudem unterbrach der Erste Weltkrieg das internationale Schachleben für mehrere Jahre. Den Titel 27 Jahre lang zu besitzen, ist deshalb nicht mit 27 jährlichen Titelverteidigungen gleichzusetzen.
Trotzdem bleibt die Leistung beeindruckend. Bei regelmäßig ausgetragenen Titelkämpfen müsste ein künftiger Rekordhalter den Herausforderungen mehrerer Generationen von Anwärtern standhalten. Eine herausragende Saison würde dafür niemals genügen. Es bräuchte eine außergewöhnliche Schachkarriere.
Magnus Carlsen: 125 klassische Partien ohne Niederlage
Eine einzige Ungenauigkeit kann eine Schachpartie kosten – selbst wenn zuvor stundenlang alles nach Plan gelaufen ist.
Umso beeindruckender erscheint Magnus Carlsens Serie: 125 Partien mit klassischer Bedenkzeit ohne eine einzige Niederlage. Sie dauerte von 2018 bis 2020 und endete am 10. Oktober 2020, als der Norweger beim Norway Chess gegen Jan-Krzysztof Duda verlor. Chess.com
Die Unterscheidung ist wichtig: Es handelte sich um eine Serie ohne Niederlage, nicht um 125 Siege in Folge. Auch Remispartien zählten dazu; Ergebnisse im Schnell- und Blitzschach dagegen nicht.
Besonders wertvoll wird diese Serie durch die Stärke der Gegner. Carlsen spielte regelmäßig gegen Spitzengroßmeister, die selbst in den Stellungen des Weltmeisters kleinste Schwächen aufspüren konnten.
Warum lässt sich eine solche Serie so schwer wiederholen? Über eine lange Folge von Partien sind Müdigkeit, unangenehme Gegner und schlechte Tage unvermeidlich. Um ungeschlagen zu bleiben, muss man nicht nur gewinnen können. Man muss auch Stellungen retten, in denen alles gegen einen zu laufen scheint.
Dieser Rekord steht für die Fähigkeit, selbst unter größtem Druck standzuhalten.
Bobby Fischer: Zwei 6:0-Siege in den Kandidatenwettkämpfen
1971 besiegte Bobby Fischer Mark Taimanow im Viertelfinale der Kandidatenwettkämpfe mit 6:0. Anschließend traf er im Halbfinale auf Bent Larsen – und wiederholte exakt dieses Ergebnis. ChessBase
Zwölf Partien. Zwölf Siege. Kein einziges Remis.
Besonders erstaunlich ist, wer ihm gegenübersaß: erfahrene Großmeister, die sich für den Kampf um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft qualifiziert hatten. Gegen Spieler dieses Kalibers wäre bereits ein knapper Wettkampfsieg ein Erfolg gewesen.
Ein 6:0 bedeutet nicht, dass Fischer jede Partie mühelos gewann. Hinter dem Endergebnis steckte ein harter Kampf. Umso bemerkenswerter ist es, dass keiner seiner beiden Gegner auch nur einen halben Punkt holen konnte.
Genau genommen handelt es sich vor allem um eine einzigartige historische Leistung innerhalb eines bestimmten Formats. Um sie zu übertreffen, wären vergleichbare, längere Wettkämpfe und ein ebenso makelloses Ergebnis nötig.
Die moderne Computervorbereitung hilft starken Spielern dabei, Verteidigungsmöglichkeiten zu finden. Selbst eine deutliche spielerische Überlegenheit reicht deshalb möglicherweise nicht für einen ähnlichen Durchmarsch: Ein einziges erkämpftes Remis genügt, um die perfekte Serie zu beenden.
Judit Polgár: 26 Jahre an der Spitze der Frauenweltrangliste
Manche Rekorde haben keinen einzelnen entscheidenden Tag. Sie entstehen über Jahrzehnte hinweg.
Judit Polgár übernahm 1989 im Alter von zwölf Jahren erstmals die Führung der Frauenweltrangliste. Guinness World Records führt ihre ununterbrochene Spitzenposition über 26 Jahre und 28 Tage – bis zum 1. März 2015. Judit Polgar Chess Foundation
Dabei geht es um einen Rekord als Nummer eins der Elo-Rangliste, nicht um die Dauer einer Regentschaft als Frauenweltmeisterin. Polgár bestritt ihre Karriere überwiegend in offenen Wettbewerben und trat dort gegen die führenden Spieler der Welt an. Judit Polgár Press Kit
Um diese Zeitspanne zu begreifen, genügt ein Gedankenexperiment: Ein talentiertes Mädchen beginnt erst mit dem Schach, nachdem Polgár bereits die Nummer eins geworden ist. Es könnte erwachsen werden und eine professionelle Schachkarriere einschlagen, während noch immer dieselbe Spielerin an der Spitze steht.
Diesen Rekord zu brechen, würde bedeuten, sehr früh die Führung zu übernehmen und den Vorsprung über einen großen Teil des Erwachsenenlebens zu behaupten. Dafür braucht es mehr als Talent: anhaltende Motivation, die Bereitschaft zum ständigen Lernen und die Fähigkeit, sich auf Veränderungen einzustellen.
Nikolić–Arsović: 269 Züge für ein Remis
Nicht jeder Rekord hat mit Siegen zu tun. Manchmal reicht die Ausdauer selbst, um in die Geschichte einzugehen.
Am 17. Februar 1989 beendeten Ivan Nikolić und Goran Arsović in Belgrad eine Partie, die 269 Züge dauerte und 20 Stunden und 15 Minuten in Anspruch nahm. Das Ergebnis: remis. Guinness World Records führt sie als die nach Zugzahl längste dokumentierte Partie auf Meisterniveau. Guinness World Records
Es handelt sich um einen Rekord für die Anzahl der Züge, nicht um einen allgemeinen Zeitrekord über sämtliche Schachformate hinweg.
Die außergewöhnliche Länge wurde teilweise durch die damaligen Regeln ermöglicht. Für bestimmte Endspiele galten Ausnahmen von der üblichen 50-Züge-Regel. Insbesondere im Endspiel „Turm und Läufer gegen Turm“, das in dieser Partie entstand, durfte länger weitergespielt werden. Chess.com
Heute endet eine Partie automatisch remis, nachdem beide Spieler jeweils 75 Züge ohne Bauernzug und ohne Schlagfall ausgeführt haben – sofern der letzte Zug nicht mattsetzt. Das bedeutet nicht, dass jede Partie vor dem 269. Zug enden muss: Bauernzüge und Schlagfälle setzen die Zählung zurück. Dennoch ist es deutlich schwieriger geworden, einen solchen Marathon in einem modernen Turnier zu wiederholen. FIDE Handbook
In dieser Geschichte gibt es keinen triumphierenden Sieger. Es gibt zwei Spieler, die weiter nach Möglichkeiten suchten, als die Partie längst zu einer Belastungsprobe geworden war.
Warum uns diese Zahlen noch immer faszinieren
Lasker erinnert daran, wie schwer es ist, über Jahrzehnte Weltmeister zu bleiben. Carlsen zeigt, wie schwierig es ist, über eine enorme Anzahl von Partien keine einzige Niederlage zu erleiden. Fischer verdeutlicht, wie überwältigend die Überlegenheit gegenüber Spitzenspielern sein kann. Polgár beweist, dass sich eine Spitzenposition nicht nur in glanzvollen Siegen, sondern auch in Jahren bemisst. Und Nikolić und Arsović zeigen, dass selbst ein Remis Geschichte schreiben kann.
Vielleicht werden einige dieser Leistungen eines Tages übertroffen. Doch wer einen neuen Rekord aufstellt, muss dieselbe grundlegende Herausforderung bewältigen: einer Prüfung standhalten, an der unzählige außergewöhnliche Spieler gescheitert sind.
Genau deshalb sind Schachrekorde mehr als bloße Zahlen. Hinter jedem steht eine menschliche Geschichte – darüber, wie weit man kommen kann, wenn Talent auf Willensstärke trifft.