Bodhana Sivanandan bricht den 38 Jahre alten Rekord von Judit Polgar
Mit elf Jahren Schachgeschichte geschrieben: Bodhana Sivanandan bricht Judit Polgárs 38 Jahre alten Rekord
Manche Schachrekorde überdauern eine ganze Spielergeneration. Weltmeister wechseln, neue Stars treten hervor, Computer revolutionieren die Vorbereitung – doch in den Rekordbüchern steht weiterhin derselbe Name.

Judit Polgárs Rekord hielt 38 Jahre lang. Nun hat ihn eine britische Schülerin übertroffen.
Mit elf Jahren, sieben Monaten und 16 Tagen erfüllte Bodhana Sivanandan die Voraussetzungen für den Titel Internationaler Meister – früher als jede andere Schachspielerin in der Geschichte. Das entscheidende Ergebnis erzielte sie am 23. Oktober 2026 beim European Club Cup in Budva, Montenegro. Damit sind die Titelanforderungen erfüllt; die offizielle Verleihung muss noch von der FIDE bestätigt werden.
Der Sieg, der den Rekord besiegelte
In Budva spielte Sivanandan am ersten Brett der Mannschaft She Plays To Win Lionesses A. Das Turnier bot ein Finale, wie es zu einem großen sportlichen Meilenstein passt: Die Entscheidung fiel in der letzten Runde.
Bodhana traf auf die Schwedin Viktoria Johansson. Mit einem Sieg mit den schwarzen Steinen sicherte sich die Britin ihre dritte und letzte IM-Norm. Am Ende standen 5½ Punkte aus sieben Partien: fünf Siege, ein Remis und eine Niederlage. Im Turnierverlauf überschritt sie außerdem die erforderliche Elo-Marke von 2400.
Dabei begann ihr Weg zum Rekord mit einem Rückschlag. In der ersten Runde unterlag Bodhana Aleksandra Gorjatschkina. Anschließend fing sie sich, besiegte die Internationale Meisterin Olga Badelka und erreichte ein Remis gegen Großmeisterin Nino Batsiaschwili.
Dieser Verlauf sagt beinahe ebenso viel über ihr Schach aus wie ihr Alter. Nach einer Auftaktniederlage zurückzukommen, verlangt Ruhe: Man muss dem Drang widerstehen, den verlorenen Boden um jeden Preis sofort gutzumachen, starken Gegnerinnen ohne Angst begegnen und die vorherige Partie hinter sich lassen.
Warum der Titel Internationaler Meister so wichtig ist
Bei dieser Nachricht können die verschiedenen Schachtitel leicht für Verwirrung sorgen. Internationaler Meister – IM – und Internationaler Meister der Frauen – WIM – sind unterschiedliche Titel.
Bodhana erfüllte die Voraussetzungen für den offenen IM-Titel, den Spieler unabhängig von ihrem Geschlecht erwerben können. Auf dem regulären Weg sind dafür eine Elo-Zahl von 2400 und drei qualifizierende Turnierleistungen erforderlich, die sogenannten Normen. Jede Norm bestätigt eine ausreichend hohe Leistung in einem Turnier, das bestimmte Bedingungen erfüllt.
Die Formulierung „jüngste Schachspielerin“ bezeichnet deshalb den Altersrekord. Der Titel selbst ist nicht auf Frauenwettbewerbe beschränkt.
Warum der Vergleich mit Polgár so viel bedeutet
Judit Polgár erreichte diesen Meilenstein 1988 im Alter von zwölf Jahren. Später stieg die Ungarin bis auf Platz acht der allgemeinen Weltrangliste auf. Ihr Name wurde zum Sinnbild dafür, dass Frauen mit den stärksten Spielern der Welt erfolgreich mithalten können.
Ihren Altersrekord zu unterbieten bedeutet, nach fast vier Jahrzehnten einen neuen Maßstab zu setzen.
Das heißt allerdings nicht, dass beide Karrieren denselben Verlauf nehmen werden. Ein früher Titel eröffnet Chancen. Der weitere Weg hängt jedoch von Tausenden Entscheidungen ab: Wie trainiert man? Welche Turniere spielt man? Wie geht man mit Rückschlägen um? Und wie bewahrt man sich die Freude am Spiel?
Der Vergleich mit Polgár macht die Größenordnung dieser Leistung deutlich. Sivanandans Zukunft bleibt dabei ihre eigene Geschichte.
Drei Normen in einem Sommer und Herbst
Bodhanas Durchbruch beruhte auf mehr als einer erfolgreichen Woche in Montenegro. Ihre erste IM-Norm erspielte sie im Juli beim Dole Open in Frankreich. Dort besiegte sie auch den französischen Großmeister Marc’Andria Maurizzi mit einer Elo-Zahl von 2628 – eine Leistung, über die auch die FIDE-Kommission für Frauenschach berichtete.
Die zweite Norm folgte bei der Schacholympiade im September in Samarkand. Am Spitzenbrett der englischen Mannschaft erzielte sie acht Punkte aus elf Partien. Die dritte kam in Budva hinzu. Innerhalb weniger Monate fügten sich mehrere starke Auftritte zu sämtlichen Voraussetzungen für den neuen Titel zusammen.
Eine Geschichte, die mit einem aussortierten Schachspiel begann
Bodhana entdeckte das Schachspiel mit fünf Jahren während der pandemiebedingten Ausgangsbeschränkungen. Sie fand ein Schachset unter Dingen, die ihr Vater wegwerfen wollte. Nur wenige Jahre später vertrat sie England bei internationalen Wettbewerben.
In diesem Anfang lässt sich leicht ein glücklicher Zufall erkennen. Doch der Fund erklärt lediglich, wie sie das Spiel kennenlernte. Zwischen diesem Moment und dem Rekord lagen Training, die Analyse eigener Fehler und Partien gegen Gegnerinnen und Gegner, die ihr wegen ihres jungen Alters keine Punkte schenkten.
Bodhanas nächstes sportliches Ziel ist nun der Großmeistertitel. Diesen Wunsch äußerte sie nach der entscheidenden Partie in Budva.
Für die Schachgeschichte endete am 23. Oktober ein Rekord, der 38 Jahre Bestand gehabt hatte. Für Sivanandan selbst war es ein weiterer Meilenstein – und vor ihr warteten bereits ein neues Brett, ein neuer Gegner und der nächste Zug.