Timur Turlov – Kandidat für das Amt des FIDE-Präsidenten: Programm und Ideen
Timur Turlov – Kandidat für das Amt des FIDE-Präsidenten: Was sieht sein Programm vor?
Das internationale Schach steht vor einer der wichtigsten Wahlen der vergangenen Jahre. Am 26. September 2026 werden die Mitgliedsverbände während der FIDE-Generalversammlung in Samarkand einen neuen Präsidenten der Organisation wählen. Bislang sind drei Kandidatenlisten für das Präsidentenamt offiziell registriert. Eine davon wird von Timur Turlov angeführt, dem Präsidenten des Kasachischen Schachverbandes und Gründer der Freedom Holding Corp. Sein Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten ist der fünfmalige Weltmeister Viswanathan Anand.
Ursprünglich hatte Turlov geplant, im Team von Arkadi Dworkowitsch für das Amt des Vizepräsidenten zu kandidieren. Nachdem Dworkowitsch seine Amtsgeschäfte als FIDE-Präsident ausgesetzt hatte, änderte Turlov jedoch seine Pläne und stieg selbst in das Rennen um die Präsidentschaft ein. Nun präsentiert sein Team eine eigene Vision davon, wie sich die internationale Schachbewegung in den kommenden vier Jahren entwickeln soll.
Das zentrale Merkmal von Turlovs Programm ist der Fokus nicht nur auf die Entwicklung des Schachs selbst, sondern auch auf Digitalisierung, Bildung und die finanzielle Nachhaltigkeit der nationalen Schachverbände.
Wer ist Timur Turlov?
Turlov ist ein kasachischer Unternehmer, der seit 2023 an der Spitze des Kasachischen Schachverbandes steht. In dieser Zeit hat Kasachstan seine Position auf der internationalen Schachkarte deutlich gestärkt. Das Land war Austragungsort eines Weltmeisterschaftskampfes sowie der FIDE-Mannschaftsweltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach und entwickelt gleichzeitig den Schul- und Breitenschachsport weiter.
Nach Angaben, die im Rahmen seiner Präsidentschaftskampagne veröffentlicht wurden, haben mit Turlov verbundene Strukturen mehr als 75 Millionen US-Dollar in die Entwicklung des Schachs investiert. Seit 2024 ist er außerdem Präsident der International School Chess Federation.
Turlov will die Erfahrungen Kasachstans als eine Art Modell nutzen, das auf die Ebene der FIDE übertragen werden kann.
Zusätzliches Gewicht erhält seine Kandidatur durch die Entscheidung, Viswanathan Anand als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten zu nominieren. Anand bekleidet diese Position bereits seit 2022 und soll nun Teil von Turlovs neuem Team werden.
Die drei wichtigsten Schwerpunkte von Turlovs Programm
Turlovs Programm konzentriert sich auf drei zentrale Bereiche:
1. Digitalisierung und künstliche Intelligenz;
2. die Entwicklung des Schachs an Schulen;
3. die finanzielle Nachhaltigkeit der nationalen Schachverbände.
Diese Struktur ist bezeichnend. Turlov schlägt vor, die FIDE nicht nur als Organisation zu betrachten, die Meisterschaften veranstaltet und Wertungslisten führt, sondern als globale Infrastruktur für Spieler, Trainer, Verbände und Organisatoren.
Eine einheitliche digitale Plattform der FIDE
Einer der ambitioniertesten Vorschläge Turlovs ist die Schaffung eines einheitlichen digitalen Ökosystems der FIDE.
Die Idee besteht darin, dass jeder Schachspieler über ein einziges Konto verfügt, das mit seiner persönlichen Schachhistorie verbunden ist. In einem solchen System könnten unter anderem folgende Informationen gespeichert werden:
* die Elo-Zahl des Spielers;
* die Turnierhistorie;
* Partierergebnisse;
* die Teilnahme an Online-Wettbewerben;
* Lern- und Trainingsmaterialien;
* weitere Daten zur schachlichen Laufbahn.
Der Zugang zu dieser Plattform soll Verbänden unabhängig von ihrer Größe oder ihren finanziellen Möglichkeiten offenstehen.
Im Grunde schlägt Turlov damit die Einführung einer Art „digitalen Schachpasses“ vor, der einen Spieler während seiner gesamten Karriere begleiten könnte.
Die Grundlage für diese Idee soll das kasachische Projekt KazChess ID bilden. Turlov ist der Ansicht, dass ein solches System, wenn es auf nationaler Ebene funktioniert, auch international skaliert werden könnte.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz?
In Turlovs Programm soll KI nicht lediglich ein modernes Technologie-Element sein.
Sie könnte eingesetzt werden für:
* die Analyse von Partien;
* die Unterstützung von Trainern;
* die Ausbildung von Spielern;
* die Erkennung von Betrugsversuchen;
* die Entwicklung von Fair-Play-Instrumenten.
Während der Präsidentschaftsdebatte am 9. September schlug Turlov außerdem den Einsatz biometrischer Identifikation, einschließlich Gesichtserkennung, vor. Dadurch soll verhindert werden, dass eine Person mehrere verifizierte Konten für Online-Partien erstellt. Darüber hinaus sprach er sich für die Entwicklung von Anti-Cheating-Technologien aus, die auch nationalen Verbänden zur Verfügung gestellt werden könnten.
Digitalisierung bedeutet in seiner Vision daher nicht einfach die Schaffung einer weiteren FIDE-Website. Es geht vielmehr um den Aufbau einer einheitlichen technologischen Infrastruktur für das weltweite Schach.
Schach an Schulen: Das Spiel in die Breite bringen
Der zweite große Schwerpunkt des Programms ist der Schulschachsport.
Turlov verfügt bereits über praktische Erfahrungen in diesem Bereich. In Kasachstan erreicht das Programm Chess in Education mehr als 1.500 Schulen und über 60.000 Schülerinnen und Schüler. Nach Angaben Turlovs soll die Zahl der teilnehmenden Schulen weiter steigen.
Über die International School Chess Federation war er zudem an der Entwicklung internationaler Schulschach-Wettbewerbe beteiligt.
Die Logik dahinter ist einfach: Wenn die FIDE die Zahl der Schachspieler deutlich erhöhen will, muss sie nicht bei den Eliteturnieren beginnen, sondern bei den Kindern.
Schach an Schulen kann gleichzeitig mehrere Ziele erfüllen:
* neue Spieler gewinnen;
* eine breitere Basis für nationale Verbände schaffen;
* die Trainergemeinschaft erweitern;
* die Zahl der Turniere erhöhen;
* Schach stärker im Bildungssystem verankern.
Im April kündigten die FIDE und die ISCF die Ausweitung der kontinentalen Etappen der Weltmeisterschaft für Schulmannschaften an, unter anderem in Afrika und Amerika. Turlov betonte damals die Bedeutung einer Ausweitung des Schulschachs in Regionen mit großem Wachstumspotenzial.
Finanzielle Unabhängigkeit der nationalen Schachverbände
Der dritte Teil des Programms gehört zu den praktischsten Punkten.
Turlov ist der Ansicht, dass nationale Schachverbände lernen müssen, nachhaltige Finanzierungsmodelle aufzubauen, anstatt dauerhaft auf Unterstützung durch die FIDE, staatliche Stellen oder einzelne Mäzene angewiesen zu sein.
Als mögliche Instrumente nennt er:
* Partnerschaftsprogramme;
* die Gewinnung von Sponsoren;
* kommerzielle Vereinbarungen;
* professionelles Vermögensmanagement;
* den Aufbau eigener Einnahmequellen.
Das Ziel besteht darin, dass sich die Verbände schrittweise von Organisationen, die von externer Finanzierung abhängig sind, zu Strukturen mit stabilen und eigenen Einnahmen entwickeln.
Turlov will den Entwicklungsfonds der FIDE vergrößern
Während der Debatte am 9. September wurde das Finanzierungsmodell zu einem der wichtigsten Streitpunkte zwischen Turlov und dem ebenfalls kandidierenden Jan-Henric Buettner.
Turlov sprach sich dafür aus, den Entwicklungsfonds der FIDE auf mehr als 6 Millionen US-Dollar zu erhöhen.
Nach seinem Vorschlag sollen die Mittel unter anderem verwendet werden für:
* die Durchführung von Turnieren;
* die Ausbildung von Schiedsrichtern;
* die Ausbildung von Trainern;
* die Unterstützung der Reisekosten von Spielern;
* die Weiterbildung von Mitarbeitern der Verbände;
* Marketing und Kommunikation.
Gleichzeitig räumt Turlov ein, dass die FIDE langfristig nicht von einer einzelnen wohlhabenden Person oder einer einzigen Finanzierungsquelle abhängig sein sollte.
Darin liegt ein zentraler Bestandteil seines Konzepts: zunächst in die Entwicklung investieren und anschließend ein nachhaltigeres Finanzierungsmodell schaffen.
Sollte die FIDE selbst Geld verdienen?
Auch in diesem Punkt unterscheidet sich Turlovs Position von der einiger Konkurrenten.
Er ist der Ansicht, dass die FIDE ihre Einnahmen steigern sollte, ohne sich dabei in ein gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen zu verwandeln.
Insbesondere unterstützt Turlov die Entwicklung von:
* internationalen Sponsorenverträgen;
* geistigem Eigentum der FIDE;
* Partnerschaften mit Technologieunternehmen;
* dem kommerziellen Potenzial von Schachwettbewerben.
Gleichzeitig soll die FIDE seiner Ansicht nach in erster Linie Regulierungsinstanz und Non-Profit-Organisation bleiben und nicht direkt mit kommerziellen Schachplattformen konkurrieren.
Das ist insbesondere im Zeitalter von Chess.com, Lichess und anderen großen digitalen Plattformen relevant. Turlov setzt darauf, mit bestehenden Plattformen zusammenzuarbeiten, anstatt sie zu ersetzen, und gleichzeitig internationale Standards zu etablieren.
Was sagt Turlov über klassisches und schnelles Schach?
Ein weiterer interessanter Aspekt seiner Position betrifft das Spielformat.
Turlov schlägt nicht vor, das klassische Schach aufzugeben. Im Gegenteil: Er betrachtet das traditionelle Format als Grundlage des professionellen Schachs.
Gleichzeitig erkennt er an, dass das Schach insgesamt schneller wird.
Deshalb steht er der Entwicklung schnellerer Formate grundsätzlich positiv gegenüber, darunter auch der Einführung von Fast Classical mit dynamischeren Bedenkzeiten.
Während der Debatte erklärte Turlov, dass die Beschleunigung der Schachwelt unvermeidlich sei und schnellere klassische Formate für die Spieler von Vorteil sein könnten. Gleichzeitig sollten wichtige Veränderungen seiner Ansicht nach gemeinsam mit den führenden Schachspielern diskutiert werden.
Kampf gegen Cheating: Technologie gegen den menschlichen Faktor
Der Kampf gegen Betrug ist zu einem der wichtigsten Themen im modernen Turnierschach geworden, insbesondere angesichts der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz.
Turlov schlägt vor, die technologische Komponente im Kampf gegen Cheating zu stärken und entsprechende Instrumente nationalen Verbänden leichter zugänglich zu machen. Seine Idee einer einheitlichen digitalen Identifikation soll außerdem erschweren, dass eine einzelne Person mehrere Konten erstellt.
Allerdings gibt es hier auch einen potenziell kontroversen Punkt: Der Einsatz biometrischer Daten wirft zwangsläufig Fragen zum Datenschutz, zur Speicherung persönlicher Informationen und zu den Verfahren bei Entscheidungen auf.
Die Umsetzung einer solchen Initiative würde daher nicht nur Technologie, sondern auch klare internationale Regeln erfordern.
Viswanathan Anand – ein Schlüsselmitglied des Teams
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Wahl des Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten: Viswanathan Anand.
Für Turlov bietet Anand die Möglichkeit, unternehmerische und Management-Erfahrung mit der Autorität eines der größten Schachspieler der Geschichte zu verbinden.
Anand kennt die FIDE bereits aus nächster Nähe, da er seit 2022 als Vizepräsident tätig ist. Turlov betont, dass seine Beteiligung für Kontinuität sorgen und dazu beitragen soll, die Stärken des bestehenden Systems zu bewahren.
Die Kombination ist relativ klar: Turlov steht für Technologie, Investitionen und Management; Anand für Schachexpertise, Autorität und die Verbindung zu den professionellen Spielern.
Die größte Debatte: Geld oder System?
Hier stößt Turlovs Präsidentschaftsprogramm auf seine wichtigste kritische Frage.
Sein Ansatz lässt sich vereinfacht so beschreiben: Zunächst sollen Wachstumschancen geschaffen, Ressourcen investiert und Infrastruktur aufgebaut werden – anschließend soll finanzielle Nachhaltigkeit erreicht werden.
Sein Konkurrent Buettner legt dagegen größeren Wert auf die kommerzielle Unabhängigkeit der FIDE und eine Verringerung der Abhängigkeit von einzelnen vermögenden Personen.
Während der Debatte am 9. September wurde dieser Unterschied besonders deutlich. Turlov bezeichnete sich als eine finanzielle Stütze der FIDE in den vergangenen Jahren und erklärte, dass er bereit sei, die Organisation auf ihrem weiteren Weg zu unterstützen. Gleichzeitig betonte er, dass die FIDE langfristig nicht von ihm abhängig sein solle.
Der Streit dreht sich damit nicht nur um die Person des künftigen Präsidenten. Es geht um eine viel grundlegendere Frage: Wie soll das Finanzierungsmodell der internationalen Schachorganisation in Zukunft aussehen?
Was unterscheidet Turlovs Programm von einem typischen Wahlprogramm?
Die größte Stärke seiner Kampagne besteht darin, dass er auf bereits umgesetzte Projekte verweisen kann.
Turlov beginnt nicht bei null. Er kann auf die Erfahrungen Kasachstans in mehreren Bereichen verweisen:
* Entwicklung des Schulschachs;
* Austragung internationaler Wettbewerbe;
* Digitalisierung des Verbandes;
* umfangreiche Investitionen;
* Gewinnung großer Partner;
* Aufbau einer internationalen Infrastruktur für Schulschach.
Deshalb wirkt sein Programm eher wie der Versuch, ein bereits funktionierendes Modell zu skalieren, als wie eine Sammlung abstrakter Wahlversprechen.
Andererseits ist die Übertragung nationaler Erfahrungen auf fast 200 Verbände eine wesentlich komplexere Aufgabe. Die Länder verfügen über sehr unterschiedliche Budgets, Infrastrukturen, rechtliche Rahmenbedingungen und Entwicklungsstände des Schachs. Der Erfolg des Programms wird daher davon abhängen, wie flexibel Turlov die kasachischen Erfahrungen an die internationale Umgebung anpassen kann.
Was erwartet die FIDE am 26. September?
Die Wahl des FIDE-Präsidenten findet am 26. September 2026 in Samarkand im Rahmen der Generalversammlung der Organisation statt. Jedes bei der Generalversammlung vertretene FIDE-Mitglied verfügt über eine Stimme.
Bislang sind drei Präsidentschaftsteams offiziell registriert:
* Jan-Henric Buettner – Präsident, Malcolm Pein – Vizepräsident;
* Vadim Rosenstein – Präsident, Gordon Tang – Vizepräsident;
* Timur Turlov – Präsident, Viswanathan Anand – Vizepräsident.
Turlov geht damit nicht lediglich mit dem Versprechen in die Wahl, die Finanzierung des Schachs zu erhöhen. Sein Programm basiert auf der Idee einer modernen, digitalen und global vernetzten FIDE, die gleichzeitig den Schulschachsport entwickelt und den Verbänden hilft, finanziell nachhaltiger zu werden.
Fazit
Die Kampagne von Timur Turlov bietet der FIDE eine relativ klare Formel: digitale Infrastruktur + künstliche Intelligenz + Schulschach + finanziell nachhaltige Schachverbände.
Besonders ambitioniert ist die Idee einer einheitlichen digitalen Plattform, die Wertungszahlen, Turnierhistorien, Ausbildung und Online-Dienste für Schachspieler aus aller Welt miteinander verbinden könnte. Ebenso bedeutend ist sein Ziel, die Erfahrungen Kasachstans im Schulschach auf die internationale Ebene zu übertragen.
Eine zentrale Frage bleibt jedoch offen: Kann sich ein Modell, das auf umfangreichen Investitionen und einer aktiven Beteiligung privaten Kapitals basiert, langfristig zu einem wirklich unabhängigen und nachhaltigen System entwickeln?
Die Schachwelt wird nach der Wahl in Samarkand erste Antworten darauf erhalten. Schon jetzt zeigt Turlovs Kampagne jedoch, dass es bei der Auseinandersetzung um die Zukunft der FIDE im Jahr 2026 längst nicht mehr nur um das Schachbrett geht – es geht darum, wie die Infrastruktur des globalen Schachs im kommenden Jahrzehnt aussehen wird.