Sindarov fegt die Elite beim Kandidatenturnier vom Platz.

Ein 20-Jähriger zerlegt beim Kandidatenturnier alle. Was macht Sindarov so stark?

Beim Kandidatenturnier ist nur selten Platz für Märchen. Es ist der härteste Filter im Weltschach: acht Spieler, 14 Runden, und nur einer erhält das Recht, um die Krone zu spielen. Doch in Paphos hat sich gleich zu Beginn eine Geschichte entwickelt, die selbst nach Elite-Maßstäben kühn wirkt: Der 20-jährige usbekische Großmeister Javokhir Sindarov hat mit 3,5 Punkten aus 4 die alleinige Führung übernommen — und das bei seinem ersten Kandidatenturnier der Karriere. Chess.com betonte eigens, dass dies der beste Start im modernen Candidates-Format sei und man für ein vergleichbares Ergebnis bis zum Turnier von 1959 zurückgehen müsse.

Deshalb stellt sich die Frage inzwischen nicht mehr nur so: „Überrascht Sindarov angenehm?“ Die eigentliche Frage lautet anders: Warum ist er überhaupt so stark, dass er mit nur 20 Jahren bereits die gewohnte Hierarchie des Kandidatenturniers aufbricht? Die Antwort besteht nicht aus nur einem Grund. Hier kommen Charakter, Mut in der Eröffnung, echte Erfahrung aus großen Matches und eine für dieses Alter seltene psychologische Leichtigkeit zusammen.

Javokhir Sindarov denkt konzentriert über die Stellung am Schachbrett während des Kandidatenturniers nach, in der angespannten Atmosphäre eines internationalen Elitewettbewerbs.

Er ist nicht nur talentiert — er hat die Härte der Qualifikation bereits überstanden

Sindarov kam nicht als Medienhoffnung und nicht als „vielversprechender junger Spieler“ nach Paphos, sondern als Sieger des Weltcups 2025. Genau dieser Erfolg brachte ihm das Ticket fürs Kandidatenturnier. Für die FIDE ist das einer der härtesten Qualifikationswege: ein langes K.-o.-Turnier, in dem man nicht nur einen guten Tag überstehen muss, sondern eine ganze Serie von Matches unter Druck. Der offizielle FIDE-WM-Zyklus hält ausdrücklich fest, dass Sindarov sich als Weltcupsieger 2025 qualifiziert hat, und in der Turnier-Vorschau bezeichnete die FIDE diesen Weg als „einen der härtesten im Schach“.

Das ist ein sehr wichtiges Detail. Junge Schachspieler haben oft genug Talent für einzelne starke Turniere, aber nicht immer genug Ausdauer für lange Distanzen oder den Fleischwolf des Matchformats. Sindarov hat bereits bewiesen, dass er genau solche Prüfungen bestehen kann. In einem Interview mit Chess.com sagte er offen, dass der Weg über den Weltcup voller schwerer Matches gewesen sei und dass das Viertelfinale gegen José Martinez einer der Schlüsselmomente war, nach dem er verstand, dass er sich den Platz im Kandidatenturnier fast schon gesichert hatte.

Er ist deshalb so gefährlich, weil ihn große Namen nicht einschüchtern

Für einen Debütanten im Kandidatenturnier ist das Schlimmste nicht das Brett, sondern der Status der Gegner. Hier beginnt man leicht „gegen Namen“ zu spielen: zu respektvoll, zu vorsichtig, zu verkrampft. Doch Sindarov macht bislang genau das Gegenteil. In einem Interview vor dem Turnier sagte er ruhig, dass er verstehe, wie schwer es sei, die Candidates zu gewinnen, dass er es aber trotzdem versuchen wolle, weil „jeder eine Chance hat“. Zugleich spüre er nicht allzu großen Druck, gerade weil er noch sehr jung sei und hoffe, dass dieses Kandidatenturnier nicht sein letztes bleiben werde.

Und das sind nicht bloß schöne Worte. In den ersten Runden war klar zu sehen, dass er sich in Gegenwart der Favoriten überhaupt nicht verkrampft. In Runde 1 schlug Sindarov Andrej Esipenko, spielte dann in Runde 2 remis und gewann in Runde 3 und 4 nacheinander gegen R. Praggnanandhaa und Fabiano Caruana. Nach der vierten Runde war er alleiniger Spitzenreiter des Turniers. Das ist kein zufälliger Ausreißer, sondern eine ganze Serie von Ergebnissen gegen Gegner aus der absoluten Weltklasse.

Seine Stärke liegt in der Fähigkeit, unberechenbar zu sein

Eines der interessantesten Details ist die Art, wie Sindarov sein eigenes Spiel beschreibt. Im Gespräch mit Chess.com sagte er, dass er sich normalerweise als „sehr soliden Spieler“ sehe, dass man im Kandidatenturnier aber unberechenbar sein müsse. Deshalb wolle er interessante Eröffnungsideen einsetzen, die die Gegner überraschen können. Diese Formulierung erklärt seinen Start in Paphos perfekt.

Man muss nur auf die konkreten Beispiele schauen. In Runde 3 schrieb Chess.com, dass Sindarov mutig eine Figur geopfert und Praggnanandhaa mit Schwarz besiegt habe. In Runde 4 hob die FIDE eigens hervor, dass er seine Partie gegen Caruana dank beeindruckender Eröffnungsvorbereitung gewann. Das heißt: Er ist gleich in zwei Dimensionen gefährlich. Er kann taktisch zuschlagen, und er kann einen Gegner mit einer vorbereiteten Idee überspielen. In einem Turnier, in dem alle einander fast auswendig kennen, ist das eine gewaltige Waffe.

Er ist kein „Junge der Zukunft“ mehr, sondern bereits ein fertiger Elite-Spieler

Über junge Großmeister wird oft als über künftige Stars gesprochen, selbst wenn sie faktisch noch nicht ganz in der absoluten Spitze angekommen sind. Auf Sindarov trifft das inzwischen nicht mehr wirklich zu. In seinem FIDE-Profil steht eine Klassik-Zahl von 2745, und in der Kandidaten-Vorstellung von Chess.com im März wurde direkt darauf hingewiesen, dass er der jüngste Spieler im Feld sei und bereits als Weltklassespieler zu diesem Turnier gekommen sei. Auf der FIDE-Seite ist außerdem sein Geburtsjahr 2005 vermerkt, was ihn zum Zeitpunkt des Turniers im März/April 2026 20 Jahre alt macht.

Mehr noch: Chess.com schrieb schon vor Turnierbeginn, dass Sindarov im vergangenen Jahr deutlich als Elite-Spieler gewachsen sei. Er selbst sprach über ernste Matches gegen Topgegner und darüber, wie er gelernt habe, nach Niederlagen nicht zu tilten, sondern einfach die nächste Partie zu spielen. Für ein großes Turnier ist das womöglich noch wichtiger als das Eröffnungsrepertoire. Gewinnt doch nicht derjenige, der nie Fehler macht, sondern derjenige, der an ihnen nicht zerbricht.

Die Psychologie ist vielleicht seine unterschätzteste Waffe

Sindarov wirkt wie ein Schachspieler, der sich im Chaos wohlfühlt. Das ist mit 20 eine extrem seltene Qualität. Im selben Interview erklärte er, dass er in angespannten Matches versuche, nicht an das gesamte Turnierschicksal zu denken, sondern sich auf die nächste Partie zu konzentrieren. Wenn er verliert, gerät er nicht in Panik — er schaltet einfach auf die nächste Begegnung um. Genau diese Denkweise ist im Kandidatenturnier besonders gefährlich, wo fast jede Runde selbst einen erfahrenen Großmeister emotional brechen kann.

Genau dadurch lässt sich sein Start zu einem großen Teil erklären. Er wirkt nicht wie jemand, der die Last einer „historischen Chance“ mit sich herumschleppt. Im Gegenteil: Er spielt so, als hätte er sich innerlich erlaubt, Risiken einzugehen. Und wenn ein sehr starker und sehr gut vorbereiteter Spieler die Angst vor Fehlern verliert, wird er wirklich gefährlich. Das ist bereits eine Schlussfolgerung aus der Gesamtheit seiner Resultate und seiner eigenen Aussagen über Druck.

Was in Paphos bereits passiert ist

Stand jetzt sieht das Bild beeindruckend aus. Nach vier Runden hat Sindarov 3,5 aus 4 und liegt einen ganzen Punkt vor seinen nächsten Verfolgern. Die FIDE hielt fest, dass sein Sieg gegen Caruana bereits sein dritter im Turnier war, während Chess.com separat betonte, dass sich der Debütant nicht nur in der Spitzengruppe hält, sondern als alleiniger Führender in den ersten Ruhetag geht.

Wichtig ist dabei nicht nur die Zahl der Punkte, sondern auch die Qualität dieser Punkte. Sindarov hat bereits gegen Esipenko, Praggnanandhaa und Caruana gewonnen — also gegen Gegner mit sehr unterschiedlichen Stilen. Das zeigt Vielseitigkeit: Er ist nicht an einen einzigen Stellungstyp gebunden und lebt nicht nur von einer gelungenen Eröffnung. Er kann sich anpassen und in sehr verschiedenen schachlichen Umgebungen den Kampf aufzwingen.

Also: Was macht ihn so stark?

Fasst man alles in einer Formel zusammen, ergibt sich Folgendes.
Sindarov ist deshalb so stark, weil in ihm bereits Eigenschaften zusammenkommen, die bei einem jungen Spieler nur selten gleichzeitig vorhanden sind: die Matchhärte eines Weltcupsiegers, ernste Eröffnungsvorbereitung, Risikobereitschaft, fehlende Ehrfurcht vor großen Namen und eine psychologische Leichtigkeit, die ihn unter Druck nicht erstarren lässt.

Genau deshalb wirkt sein aktueller Durchbruch in Paphos nicht wie ein Zufall, sondern wie die logische Fortsetzung eines sehr schnellen Reifeprozesses. Schon vor dem Turnier bezeichnete die FIDE ihn als einen der auffälligsten Vertreter der neuen Generation, und nun bestätigt er das nicht mit Worten, sondern mit Resultaten auf der wichtigsten Bühne des Kandidatenzyklus.

Fazit

Es ist noch zu früh, um zu sagen, dass Sindarov das Kandidatenturnier schon gewonnen hat. Vor ihm liegt noch eine lange Strecke, eine zweite Turnierhälfte und eine ganze Reihe von Partien, in denen der Druck nur noch steigen wird. Aber eines ist bereits jetzt klar: Das hier ist nicht die Geschichte von einem „talentierten Jungen, bei dem plötzlich alles überraschend zusammengekommen ist“. Es ist die Geschichte eines Spielers, der bereits bereit ist, die Eliteordnung aufzubrechen, weil sowohl sein Schach als auch seine Mentalität auf das Niveau dieses Turniers gewachsen sind.

Und vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis hier nicht einmal in der Tabelle.
Sindarov wirkt im Moment nicht wie jemand, der einfach nur Glück hatte und eine Welle erwischt hat. Er wirkt wie ein Schachspieler, der sehr früh verstanden hat, dass man an der Spitze nicht auf Erlaubnis wartet — man holt sich einfach, was einem gehört.

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