Esipenko scheitert im Kandidatenturnier
Esipenko macht immer wieder Fehler. Die Katastrophe des Russen im Kandidatenturnier
Im Kandidatenturnier zerbricht alles sehr schnell. Einen schlechten Tag kann man noch überstehen. Zwei sind bereits ein Warnsignal. Aber wenn es dir Runde für Runde weder gelingt, eine Siegesserie zu starten noch den allgemeinen Rhythmus zu drehen, verändert sich das Gespräch. Dann ist es nicht mehr nur ein misslungener Start, sondern eine echte Turnierkrise. Genau in dieser Lage befindet sich Andrej Esipenko jetzt: Nach sechs Runden hat er nur 2 Punkte aus 6, steht in der Schlussgruppe, und der Turnierführer Javokhir Sindarov ist bereits um 3,5 Punkte davongezogen.

Es begann nicht wie eine Katastrophe, sondern wie ein Turnier voller Chancen
Vor dem Start in Paphos wirkte Esipenko in diesem Feld keineswegs fehl am Platz. Er erreichte das Kandidatenturnier als Bronzemedaillengewinner des World Cup 2025, also hatte er einen der härtesten Qualifikationswege überstanden und sich diesen Platz sportlich verdient. Formal sprach alles für ihn: Status, Spielstärke, Erfahrung in großen Matches und die Chance, sich auf der wichtigsten Bühne des Kandidatenzyklus zu zeigen.
Doch schon in den ersten Runden wurde klar, dass das Turnier nicht seinem Drehbuch folgte. In Runde eins verlor Esipenko gegen Sindarov, in Runde zwei spielte er ein kämpferisches Remis gegen Nakamura, in Runde drei teilte er ruhig den Punkt mit Bluebaum, und dann folgte in Runde vier die schmerzhafte Niederlage gegen Anish Giri. Danach kam ein weiteres Remis — gegen Praggnanandhaa in Runde fünf — und erst in Runde sechs gelang es ihm, Fabiano Caruana zu stoppen, doch das war nur ein halber Punkt und keine echte Wende.
Das größte Problem liegt nicht nur in den Punkten, sondern im Muster des Turniers
Manchmal startet ein Spieler schlecht, aber die Partien zeigen, dass der Durchbruch kurz bevorsteht. Bei Esipenko ist das Bild komplizierter. Ja, er hatte gute Phasen. In Runde zwei gegen Nakamura gewann er zum Beispiel sogar einen Bauern und übte lange Druck aus, doch der Amerikaner verteidigte das Turmendspiel sehr genau, und die Partie endete remis. Das war genau die Art von Partie, nach der man sagen konnte: Das Ergebnis ist nicht ideal, aber die Form lebt.
Doch danach wurde der kumulative Effekt zu schwer. Bis Runde fünf war es bereits das dritte Remis und kein Einzelfall mehr. Und die Partie gegen Praggnanandhaa endete laut offizieller FIDE-Analyse in einer Zugwiederholung bei noch recht vollem Brett. Das war also keine heldenhafte Rettungsgeschichte und kein herausgequetschter halber Punkt aus schlechterer Stellung, sondern ein sehr neutrales Resultat in einem Moment, in dem die Tabelle etwas Größeres verlangte.
Fehler treffen nicht nur die Partien, sondern auch die Psyche
Das Schmerzhafteste an Esipenkos Geschichte ist das Gefühl, dass er dem richtigen Turnier ständig nahe ist, aber nie wirklich in es eintritt. Gegen Nakamura war er nah an einem Schlagzeilen-Ergebnis. Gegen Giri geriet er in eine scharfe, kämpferische Partie, verlor aber. Gegen Praggnanandhaa verlor er nicht, beschleunigte aber auch nicht. Gegen Caruana hielt er in Runde sechs erneut stand, doch an dem Tag, an dem Sindarov Wei Yi besiegte und sich noch weiter absetzte, reichte selbst das nicht aus.
Genau so entsteht das Gefühl einer Katastrophe. Nicht zwingend durch eine einzige monströse Partie voller Einsteller. Manchmal zerfällt ein Turnier anders: ein Fehler, dann noch einer, dann eine verpasste Chance, die nicht verwertet wurde, dann eine Serie von Remis, die dich zwar retten, dich aber nicht ins Rennen zurückbringen. Im Format des Kandidatenturniers ist das fast ebenso zerstörerisch wie eine Serie glatter Niederlagen.
Warum die Niederlage gegen Giri besonders unangenehm war
Wenn man den Moment suchen will, in dem aus Sorge eine echte Krise wurde, dann war es natürlich Runde vier. Genau dort verlor Esipenko gegen Giri in einer scharfen Partie, die Chess.com als wild Najdorf game beschrieb. Für Giri selbst war es der erste Sieg des Turniers. Für Esipenko war es die zweite Niederlage in vier Runden. Das war der Tag, an dem klar wurde: Einen misslungenen Start kann man nicht länger als Zufall abtun.
Und der Schlag traf besonders hart, weil Sindarov am selben Tag Caruana besiegte und alleiniger Erster wurde. Während oben jemand zum Sprung ansetzte, verlor Esipenko erneut den Boden unter den Füßen. In einem solchen Turnier ist das fast das schlimmste Szenario: Du machst nicht nur selbst Fehler, sondern siehst auch noch zu, wie deine Konkurrenten ihre Chancen sofort in volle Punkte verwandeln.
Die sechste Runde hat nichts zerstört, aber auch nichts gerettet
Das Remis gegen Caruana in Runde sechs ist für sich genommen ein respektables Ergebnis. Chess.com schrieb direkt, dass es Esipenko half, Sindarovs nächsten Verfolger in Schach zu halten. Aber in persönlicher Turnierlogik war es eher ein Halten der Position als eine echte Rettung. Nach sechs Runden steht der Russe bei 2/6 und bleibt zusammen mit zwei anderen Spielern im unteren Teil der Tabelle — in riesiger Distanz zum Führenden.
Darin liegt die eigentliche Dramatik. Selbst gute lokale Aktionen erzeugen nicht mehr den Effekt, den sie zu Beginn des Turniers hätten haben können. Wenn du früh das Tempo verlierst, musst du später nicht einfach nur gut spielen — du musst fast fehlerlos aufholen. Und genau dieser Modus ist die unangenehmste Form von Druck im Kandidatenrennen.
Gibt es für Esipenko einen Ausweg aus dieser Krise?
Rein mathematisch: ja. Das Turnier ist lang, es liegen noch viele Partien vor ihm, und ein einziger Sieg kann Stimmung und Lage schlagartig verbessern. Doch praktisch hat sich der Handlungsspielraum bereits stark verengt. Nach Runde sechs hatte Sindarov 5,5 aus 6 geholt, Caruana lag auf Platz zwei, und Esipenko ist bereits zu weit zurück, um nur von Remis und der Hoffnung zu leben, dass sich alles „von selbst wieder dreht“.
Jetzt ist für ihn alles brutal einfach: Er braucht nicht nur sorgfältige Partien, sondern echte Siege. Und zwar schnell. Denn noch ein paar neutrale Ergebnisse werden nur das Gefühl verstärken, das sich bereits um seinen Auftritt gebildet hat: Das Turnier gleitet ihm davon, und er schafft es immer noch nicht, ihm sein eigenes Muster aufzuzwingen.
Fazit
Der Satz „Esipenko macht immer wieder Fehler“ klingt hart, aber die aktuelle Tabelle macht ihn nachvollziehbar. Das Problem ist nicht ein einzelner konkreter Zusammenbruch, sondern eine Kette von Rückschlägen: zwei Niederlagen, mehrere Remis ohne Durchbruch und am Ende 2 Punkte nach 6 Runden. Das ist nicht mehr einfach nur ein schwieriger Start. Für den Russen entwickelt sich dieses Turnier bislang zu einer echten Katastrophe.
Und doch lässt das Kandidatenturnier immer ein letztes Recht auf Antwort offen. Die wichtigste Frage ist jetzt nicht mehr, was Esipenko in den ersten sechs Runden falsch gemacht hat. Die wichtigste Frage ist, ob er noch eine Serie hinlegen kann, die die Leute nicht mehr von einer Katastrophe, sondern von einem Comeback sprechen lässt.