Anatolij Karpow äußerte sich zur Wahl von Pawel Kolobkow zum FIDE-Vizepräsidenten
Anatoli Karpow äußert sich zur Wahl von Pawel Kolobkow zum FIDE-Vizepräsidenten
Die Wahl der neuen FIDE-Führung in Samarkand gehörte zu den wichtigsten Ereignissen der Schachwelt im Herbst 2026.

Während der Wechsel an der Spitze des Internationalen Schachverbandes große Aufmerksamkeit erregte, sorgte auch eine weitere Personalentscheidung für Diskussionen: Pawel Kolobkow, ehemaliger russischer Sportminister, wurde zum Vizepräsidenten der FIDE gewählt.
Auf diese Entscheidung reagierte bereits Anatoli Karpow, der zwölfte Schachweltmeister. Er äußerte sich zur Wahl Kolobkows und zu deren Bedeutung für das internationale Schach.
Karpow: Kolobkows Wahl ist an sich schon von Bedeutung
Anatoli Karpow betrachtet die Wahl von Pawel Kolobkow als eine wichtige Entwicklung. Einen direkten Zusammenhang mit dem Ausscheiden von Arkadi Dworkowitsch aus dem Amt des FIDE-Präsidenten sieht er jedoch nicht.
„Die Wahl Kolobkows zum FIDE-Vizepräsidenten ist an sich schon ein wichtiges Ereignis. Er steht dem Schach nahe, was die Entscheidung umso erfreulicher macht. Ich glaube allerdings nicht, dass man sie mit dem Ausscheiden Dworkowitschs in Verbindung bringen sollte“, erklärte Karpow gegenüber dem russischen Sportportal Championат.
Damit stellte der legendäre russische Großmeister vor allem Kolobkows sportlichen Hintergrund und seine Verbindung zum Schach in den Vordergrund – und weniger die politischen Umstände des Führungswechsels innerhalb der FIDE.
Wie Pawel Kolobkow in die FIDE-Führung gewählt wurde
Pawel Kolobkow wurde während der FIDE-Generalversammlung am 26. und 27. September 2026 in Samarkand, Usbekistan, zum Vizepräsidenten des Internationalen Schachverbandes gewählt.
Im ersten Wahlgang erhielt Kolobkow 78 Stimmen der Delegierten. Neben ihm wurden drei weitere Kandidaten zu gewählten FIDE-Vizepräsidenten bestimmt:
- Xu Yuhua aus China
- Michael Khodarkovsky aus den Vereinigten Staaten
- Yassine Souleiman Hassan aus Dschibuti
Gleichzeitig wurde Timur Turlow aus Kasachstan zum neuen FIDE-Präsidenten gewählt. Das Amt des stellvertretenden Präsidenten übernahm Viswanathan Anand, der 15. Schachweltmeister.
Mit diesen Entscheidungen erhielt der Internationale Schachverband eine weitgehend erneuerte Führung, die die Organisation durch die kommenden vier Jahre leiten soll.
Wer ist Pawel Kolobkow?
Obwohl Pawel Kolobkow kein professioneller Schachspieler ist, kann er auf eine beeindruckende Karriere im internationalen Spitzensport zurückblicken.
Kolobkow ist Olympiasieger im Fechten. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewann er die Goldmedaille im Degen-Einzel. Darüber hinaus errang er zwei olympische Silbermedaillen und drei Bronzemedaillen. Hinzu kommen sechs Weltmeistertitel und zwei Europameistertitel.
Nach seiner aktiven Sportkarriere sammelte Kolobkow umfangreiche Erfahrungen in der Sportverwaltung.
Von 2016 bis 2020 war er russischer Sportminister und trug Verantwortung für verschiedene Bereiche des nationalen Sportsystems. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt blieb er im Sportmanagement tätig.
Bereits vor den FIDE-Wahlen betonte Kolobkow, dass ihm Schach als Sportart gut vertraut sei. In Interviews erinnerte er daran, dass während seiner Amtszeit im Sportministerium zahlreiche Schachveranstaltungen unterstützt wurden, darunter auch Kinder- und Jugendturniere.
Seine Erfahrungen sowohl als Spitzensportler als auch als hochrangiger Sportfunktionär dürften seine Herangehensweise an die neuen Aufgaben innerhalb der FIDE prägen.
Warum Kolobkow Schach für besonders wichtig hält
Schon vor seiner Wahl bezeichnete Kolobkow Schach als eine leicht zugängliche Sportart mit großer internationaler Bedeutung.
Seiner Ansicht nach geht der Wert des Schachs weit über sportliche Ergebnisse hinaus. Insbesondere im Bildungsbereich und bei der persönlichen Entwicklung könne das Spiel eine wichtige Rolle übernehmen.
Kolobkow setzte sich außerdem dafür ein, Schach innerhalb der internationalen Sportgemeinschaft stärker zu positionieren.
Zu seinen Vorschlägen gehörte auch die Überlegung, Schach in das Programm der Olympischen Spiele aufzunehmen. Er argumentierte, dass die Disziplin das olympische Programm sinnvoll bereichern könnte.
Seine Erfahrung in der Sportverwaltung und sein Verständnis internationaler Sportstrukturen könnten dazu beigetragen haben, dass seine Kandidatur bei den Delegierten Unterstützung fand.
Die Wahl findet inmitten großer Veränderungen bei der FIDE statt
Kolobkows Eintritt in die FIDE-Führung fällt in eine besonders sensible Phase für den Internationalen Schachverband.
Vor den Wahlen 2026 stand Arkadi Dworkowitsch an der Spitze der Organisation. Im Juli 2026 setzte die Europäische Union ihn auf ihre Sanktionsliste. Anschließend ließ Dworkowitsch seine Amtsgeschäfte als FIDE-Präsident freiwillig ruhen.
Bei der Generalversammlung in Samarkand wurde schließlich Timur Turlow zu seinem Nachfolger gewählt.
Auch die Zusammensetzung der neuen Führung löste internationale Diskussionen aus.
Insbesondere der Ukrainische Schachverband sprach sich gegen die Ernennung von Pawel Kolobkow und Michail Podoljak in leitende Positionen innerhalb der FIDE aus.
Trotz der Kontroversen bestätigt die offizielle Führungsstruktur der FIDE nach der Generalversammlung Kolobkows Wahl zum Vizepräsidenten für die Amtsperiode 2026–2030.
Seine Wahl stellt somit nicht nur einen wichtigen Schritt in seiner persönlichen Karriere dar, sondern ist zugleich Teil eines umfassenderen Wandels innerhalb des internationalen Schachverbandes.
Welche Bedeutung haben Karpows Aussagen?
Die Äußerungen von Anatoli Karpow sind besonders bemerkenswert, weil sie eine andere Perspektive auf Kolobkows Wahl eröffnen.
Anstatt die Personalentscheidung hauptsächlich vor dem Hintergrund der politischen Umstände des Führungswechsels zu betrachten, plädiert Karpow dafür, sie unabhängig davon zu bewerten.
Für den ehemaligen Weltmeister steht weniger die Frage im Mittelpunkt, wer die Organisation verlassen hat. Entscheidend sei vielmehr, wer neu hinzukommt und welchen Beitrag diese Person zur Entwicklung des Schachs leisten kann.
Kolobkow selbst räumte ein, dass seine Wahl unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen habe.
Nach der Abstimmung berichtete er, dass einige Delegierte der Generalversammlung ihre Unzufriedenheit mit dem Wahlergebnis offen zum Ausdruck gebracht hätten.
Diese Reaktionen verdeutlichen, dass die Wahl weit mehr als eine gewöhnliche Personalentscheidung war. Sie wurde zu einem Teil der umfassenden Veränderungen, die derzeit die internationale Schachpolitik prägen.
Karpows Aussagen legen jedoch nahe, dass Kolobkows künftige Arbeit letztlich an konkreten Ergebnissen gemessen werden sollte – und nicht allein an den Kontroversen, die seine Wahl begleitet haben.
Ein neues Kapitel für die FIDE
Nach den Wahlen in Samarkand beginnt für die FIDE eine neue vierjährige Amtsperiode unter Präsident Timur Turlow. Viswanathan Anand übernimmt das Amt des stellvertretenden Präsidenten, während ein neu zusammengesetztes Führungsgremium die zukünftige Ausrichtung des Verbandes mitgestalten soll.
Pawel Kolobkow gehört diesem Führungsteam als einer der gewählten Vizepräsidenten an.
Für Kolobkow bedeutet die neue Position den Übergang von der nationalen Sportverwaltung auf die internationale Ebene des Schachs.
Künftig wird er mit nationalen Schachverbänden, Spielern, Turnierorganisatoren und weiteren Akteuren der weltweiten Schachgemeinschaft zusammenarbeiten müssen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie erfolgreich er seine Erfahrungen aus dem Spitzensport und der Sportverwaltung nutzen kann, um die Herausforderungen des modernen Schachs anzugehen.
Die Reaktion von Anatoli Karpow macht vor allem eines deutlich: Unabhängig von den politischen Begleitumständen ist die Wahl eines erfahrenen Sportfunktionärs in eine führende Position der FIDE bereits für sich genommen ein bedeutendes Ereignis.
Ob Kolobkow seine Erfahrungen tatsächlich in konkrete Fortschritte für das internationale Schach umsetzen kann, wird sich an den Entscheidungen und Ergebnissen der neu gewählten FIDE-Führung in den kommenden Jahren zeigen.