Auslosung in der dritten Runde – Kandidatenturnier
Goryachkina spielte in der 3. Runde des Kandidatinnen-Turniers remis. Ein halber Punkt, nach dem das Gefühl einer verpassten Chance blieb
Im Kandidatinnen-Turnier bedeutet ein Remis längst nicht immer eine ruhige Partie. Manchmal fühlt es sich fast wie eine Niederlage an, weil der Sieg im Verlauf der Partie zum Greifen nah war. Genau so verlief die Begegnung zwischen Aleksandra Goryachkina und Divya Deshmukh in der 3. Runde: Die russische Spielerin zeigte erneut ihren typischen Druckstil, zwang ihre Gegnerin in ein schwieriges Endspiel, gewann einen Mehrbauern und erreichte sogar eine theoretisch gewonnene Turmstellung — am Ende endete die Partie jedoch trotzdem remis.
Dieses Remis wirkt besonders interessant vor dem Hintergrund der ersten beiden Runden. Nach Runde 2 lagen alle acht Teilnehmerinnen des Frauenturniers mit 1 Punkt aus 2 gleichauf, und Goryachkina selbst hatte bis dahin bereits zwei Remis gespielt — gegen Kateryna Lagno in Runde 1 und gegen Bibisara Assaubayeva in Runde 2. Deshalb war die Partie gegen Divya nicht einfach nur eine weitere Runde, sondern eine echte Chance, sich in einer sehr dicht gedrängten Tabelle abzusetzen.

Ein Remis, in dem Goryachkina dem Sieg näher war
Der offizielle Bericht der FIDE beschreibt diese Partie als dramatischen Kampf und nicht als trockenes technisches Duell. Nach langem Druck in dem, was als „typischer Goryachkina-Stil“ bezeichnet wurde, gelang es Aleksandra, einen Mehrbauern zu gewinnen und in ein Turmendspiel überzugehen, das theoretisch als gewonnen galt. Doch genau dort entglitt ihr die Partie: Die präzise Verwertung blieb aus, und Divya rettete sich, wie FIDE es formulierte, buchstäblich „mit dem allerletzten Atemzug“.
Chess.com erzählte die Geschichte fast genauso: Goryachkina wählte langsamen, zähen Druck, doch die indische Spielerin hielt nach 81 Zügen stand. Das ist ein wichtiges Detail, weil es den wahren Wert dieses Remis zeigt. Es ging nicht darum, dass Weiß nichts schaffen konnte. Im Gegenteil: Die Partie dauerte sehr lange, die Stellung war für die Gegnerin äußerst unangenehm, und Goryachkina lenkte sie genau in jene Bereiche, in denen sie sich normalerweise am stärksten fühlt.
Warum dieses Ergebnis ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt
Einerseits ist ein Remis in einem solchen Turnier kein Desaster. Das Kandidatinnen-Turnier nimmt gerade erst Fahrt auf, die Distanz ist lang, und jede Teilnehmerin wird noch mehrfach ihre Chancen bekommen. Andererseits sind es genau solche Partien, an die man sich am Ende erinnert, wenn man beginnt nachzurechnen, wo ein zusätzlicher Punkt verloren ging. Goryachkina hatte genau einen solchen Tag: Die Partie floss allmählich in das Format über, das sie am meisten liebt — langes Drücken, das Auslaugen der Gegnerin und der Übergang in ein technisches Endspiel. Doch auf der Zielgeraden fehlte die Präzision.
FIDE hob außerdem noch einen weiteren wichtigen Punkt hervor: In der entscheidenden Phase stand Goryachkina selbst bereits unter erheblicher Zeitnot. Das erklärt vieles. Selbst ein gewonnenes Turmendspiel kann in einer praktischen Partie zu einer extrem schweren Prüfung werden, wenn die Uhr gegen dich zu arbeiten beginnt. Und die berühmte Schachweisheit „Alle Turmendspiele sind remis“ erinnert gerade daran, wie tückisch solche Stellungen selbst für Weltklassespielerinnen sein können.
Was dieses Remis für den Turnierkampf bedeutet
Das Hauptproblem für Goryachkina besteht darin, dass die 3. Runde der erste Tag war, an dem sich das Frauenturnier wirklich öffnete. Während ihre Partie gegen Divya remis endete, besiegte Kateryna Lagno Tan Zhongyi, und Bibisara Assaubayeva gewann gegen Zhu Jiner. Genau diese beiden gingen nach drei Runden in Führung. Das bedeutet, dass Goryachkinas Remis nicht einfach ein „neutrales“ Resultat war — an diesem Tag erlaubte es ihr nicht, den Abstand zur Spitze zu verkürzen. Im Gegenteil: Es ließ Aleksandra leicht hinter dem führenden Duo zurück.
Gleichzeitig gibt es keinen Grund zur Panik. Nach Runde 2 lagen alle Teilnehmerinnen vollkommen gleichauf, und nach Runde 3 begann sich das Turnier erst langsam zu sortieren. Es sind noch 11 Runden zu spielen, und ein einziger starker Sieg kann eine Spielerin fast sofort wieder in die Spitzengruppe zurückbringen. Genau deshalb fühlt sich dieses Remis für Goryachkina nicht wie ein Schlag gegen ihre Chancen an, sondern eher wie ein ärgerliches Signal: Das Spiel ist da, der Druck ist da, die Gewinnstellungen werden geschaffen — jetzt müssen sie nur noch in volle Punkte verwandelt werden.
Warum die Partie selbst dennoch für sie spricht
Trotz der verpassten Chance hat dieses Remis auch eine positive Seite. Es zeigte erneut, dass Goryachkina gerade in langen, zähen Kämpfen eine der unangenehmsten Gegnerinnen des Turniers bleibt. Bereits in Runde 1 hatte Chess.com angemerkt, dass sie nahe daran gewesen war, Lagno zu besiegen, aber die stärkste Fortsetzung verpasste. In Runde 3 wiederholte sich die Geschichte in gewisser Weise: wieder eine tiefe Partie, wieder ein realer Vorteil, wieder das Gefühl, dass der Sieg zum Greifen nah war. Das ist aus Sicht der Punkte frustrierend, aus Sicht der Spielqualität aber ermutigend.
Genau so sehen Turniere in der Anfangsphase oft aus: Das Ergebnis entspricht noch nicht vollständig der Qualität des gezeigten Schachs. Für eine Spielerin vom Kaliber Goryachkinas wäre es viel gefährlicher, passiv zu wirken, keine Chancen zu bekommen und die Stellungen nur zu trocknen. Hier ist das Bild ein anderes. Aleksandra schafft Probleme, zwingt ihre Gegnerinnen in schwere Verteidigung und lässt sie ums Überleben kämpfen. Das bedeutet, dass solche Remis mit nur etwas mehr Präzision in der Verwertung schon in den nächsten Runden durchaus zu Siegen werden könnten.
Fazit
Goryachkinas Remis in der 3. Runde des Kandidatinnen-Turniers ist ein Resultat, nach dem nicht das Gefühl der Leere bleibt, sondern das Gefühl einer nicht zu Ende gebrachten Partie. Aleksandra war dem Sieg näher, hatte einen Mehrbauern, erreichte ein theoretisch gewonnenes Turmendspiel, konnte ihren Vorteil jedoch nicht verwerten. In der Tabelle ist das nur ein halber Punkt. Im Inhalt aber ist es eines der schmerzhaftesten — und gleichzeitig eines der ermutigendsten — Ergebnisse der Anfangsphase.
Manchmal verändert sich ein Turnierrennen nicht nach einem glänzenden Sieg, sondern nach genau so einer Partie, in der eine Spielerin versteht: Sie ist schon nah dran, sie drückt bereits, sie überspielt schon starke Gegnerinnen — es fehlt nur noch der letzte Schritt. Für Goryachkina sieht die 3. Runde genau danach aus. In der Tabelle ist sie noch nicht explodiert, aber ihr Spiel zeigt klar: In diesem Kampf wird sie noch sehr viel zu sagen haben.